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News
Favela Cantagalo
16.07.2014

Wenn ich als Gastkünstler auf den Kreuzfahrtschiffen der AIDA gebucht bin, genieße ich das Privileg, die schönsten Flecken der Erde gewissermaßen während der Arbeitszeit bereisen zu dürfen. So verbrachte ich den letzten Jahreswechsel u.a. in Rio de Janeiro. Und machte eine unvergessliche Erfahrung: Ich besuchte eine Favela. Meine Eindrücke und Gefühle möchte ich hier teilen.

Ich las im Vorfeld viel über Land und Leute und merkte: Kein Buch über Brasilien kann die soziale Realität aussparen. So gibt es z.B. in den Hochhäusern ganz selbstverständlich Aufzüge für die Bediensteten; die haben in den Bewohner-Fahrstühlen nichts verloren. Bei der Reiseplanung wurde mir schnell klar, dass das übliche Sightseeing nicht in Frage kommt. Und selbst an der Copacabana kann man bestohlen oder überfallen werden. Kann man das andere Brasilien anschauen, ohne gleich erschossen zu werden? Im Internet fand ich eine geführte Tour durch eine Favela oberhalb von Ipanema: Cantagalo. Sowas kann man buchen? Dann dürfte es ja auch nicht mehr gefährlich sein, dachte ich. Was auch ungefähr stimmte.

Dezember 2013. Wir haben zwei Tage in Rio. Am ersten Tag laufen wir durch eine lebendige Ansichtskarte. Zwischen den Jahren sind Ipanema und Copacabana Flaniermeilen für Hunderttausende, wenn nicht Millionen. Wir spazieren einen halben Tag lang auf Strand und Promenade, lassen uns treiben in der Leichtigkeit des Seins, und die malerische Wucht der steil aus dem Meer aufragenden Felsen rahmt dieses entspannte Volksfest ein. Unvergesslich der Moment, als plötzlich Zehntausende am Strand die untergehende Sonne mit Jubel und Applaus hinter den Horizont verabschieden. Rio, ein Paradies unbeschwerter Menschen.

Am nächsten Morgen um 11:00 beginnt unsere Tour. Per Mail war vereinbart, dass wir die Deutsche Isabell, die in einer Favela lebt, an einer Metro-Station treffen. Nach der Begrüßung meint sie, “Dann wollen wir mal, zuerst müssen wir den Fahrstuhl nehmen.” Ich denke, es sind wohl noch ein paar Stationen mit der U-Bahn. Aber der gläserne Fahrstuhl hebt ab – er fährt nicht nach unten, sondern immer höher und höher. Die Menschen und Autos schrumpfen, die ersten Dächer der Hochhäuser werden sichtbar, meine Höhenangst fährt mit. Schließlich stoppt der Lift, und wir kommen auf eine überdachte Aussichtsplattform. Isabell erklärt uns, dass die Bewohner der “Gemeinschaft” (dieses Wort sei korrekter als Favela) dem Bau nur zugestimmt haben, nachdem man ihnen die Nutzung des Fahrstuhls versprochen hatte. Vorher hatte jeder Bewohner den gewaltigen Höhenunterschied zu Fuß bewältigen müssen. (Am andern Ende der Favela gibt es allerdings noch eine Zahnradbahn.)

Die Favela ist an einen steilen Felsenhang gebaut. Es ist bizarr: Die Ärmsten der Armen haben unbestreitbar den schönsten Blick über Rio. Die Felsen, der Zuckerhut, die Christo-Statue, das Meer – alles liegt unter uns wie in einem Gemälde. Die Leute hier sehen in die Fenster der Luxuswohungen von Ipanema – und von dort schaut man beim Frühstück auf die Favela wie in eine Puppenstube.

Isabells erste Erläuterungen klingen sehr engagiert, fast kämpferisch. “Es gibt diese neue Polizei für die Favelas, sie nennen sie die Friedenspolizei. Aber es wird keinen Frieden geben, solange die soziale Ungerechtigkeit nicht aus der Welt ist.” Und: “Auf dieser Tour sollt ihr euch von den Klischees vom Leben in der Favela verabschieden.”

Dann verlassen wir die Aussichtsplattform, steigen noch ein paar einfache Betonstufen höher, und betreten eine andere Welt: Cantagalo. Unsere Tour wird uns zu unzähligen bemalten Hauswänden führen. Die Idee der Gemeinschaft von Cantagalo ist einfach und genial: „Wir öffnen uns den Touristen durch die Kunst.“ Die Favela als gigantisches Freilichtmuseum. Jedes Bild erzählt vom Leben und der Geschichte der Gemeinschaft. Acme stammt von hier, ein international gefeierter Straßenkünstler. Viele der Wände hat er bemalt in seinem naiven, aber kraftvoll poetischen Stil.

Die Bilder dürfen wir ablichten. „Menschen werdet ihr nicht fotografieren. Dies ist keine Safari!”, ermahnt uns Isabell.
Sie führt uns durch ein Labyrinth aus unzähligen Gassen, Treppen und nur gelegentlich etwas geräumigeren Plätzen. Wo immer wir Menschen begegnen, hält Isabell ein Schwätzchen. Sie lebt seit 7 Jahren in Brasilien und seit drei oder vier Jahren in einer benachbarten Favela. Auch in Cantagalo kennen sie natürlich alle, nicht nur wegen der Touren, nicht nur weil sie die einzige Weiße hier ist, sondern auch, weil ihr Lebensgefährte, ein Einheimischer, hier ein sehr bekannter Caporeira-Lehrer ist.

Ruhig ist es, die Hektik Rios kommt hier oben nur als leises Rauschen an. Die engen Gassen erwecken die Gemütlichkeit eines Bergstädtchens, und viele Menschen sind gerade nicht unterwegs. Die Erklärung dafür hat Isabell zur Hand:
“Fast alle aus der Gemeinschaft haben Arbeit. Sie putzen, verkaufen Getränke oder sitzen an der Supermarkt-Kasse unten in Ipanema. Es ist eben ein Klischee, dass hier alle mit Drogen handeln. Das gibt es zwar auch, aber die meisten arbeiten für miserable Löhne, zahlen Steuern und müssen ihr Kreuzchen bei der Wahl machen.” (In Brasilien gilt Wahlpflicht.) Was sie dafür bekommen, ist lächerlich. Für eine funktionierende Müllabfuhr kämpfen sie seit Jahren. Die Favelas sind weiße Flecken auf der Landkarte – buchstäblich, wie auf Google Maps zu sehen; es gibt keine offiziellen Straßennamen, für die Verwaltung existieren sie nicht. Sämtliche Post für 20.000 Menschen wird an eine einzige Adresse gesendet, die Zustellung organisiert die Gemeinschaft selbst. Von Zeit zu Zeit hören wir Lautsprecher-Durchsagen: Kommunale Verlautbarungen, wie Isabell erläutert. Das ist billig und erreicht auch jene, die nicht lesen und schreiben können.

Es riecht nicht gerade frisch in Cantagalo. Ab und an fließt Wasser in der Gosse an uns vorbei. Man schaut lieber nicht genau hin. Eine funktionierende Kanalisation gibt es nur teilweise. Das Trink- und Waschwasser hat jedes Haus in einem Container auf dem Dach.

Kulturell hat Cantagalo so ziemlich alles zu bieten, was es anderswo auch gibt: einen Karnevalsverein (in Rio muss man das eher eine Firma nennen), die angesehene Caporeira-Schule, Strandfußball-Profis, Sportclubs, eine Musikschule, Open-Air-Kino auf dem Gelände eines katholischen Gemeindehauses, kürzlich fand hier ein Jazz Festival statt. Auch ein Hostel gibt es, die Pousada Favela Cantagalo. Sie hat sehr gute Bewertungen bei booking.com.

Immer wieder stoppen wir an einer bemalten Hauswand und staunen über die poppig bunten, fröhlich leuchtenden Illustrationen der Geschichte Cantagalos. 1888 schaffte Brasilien, als letztes Land auf der Welt, die Sklaverei ab. Die Afro-Brasilianer drängten in die Städte, um ein neues Leben zu beginnen. Sie konnten nur dort ihre Holzhütten bauen, wo die Cariocas, die alteingesessenen Bewohner Rios, das nicht taten: an den steilen Felshügeln. Offiziell erlaubt hat man es ihnen nicht. Strenggenommen sind diese Siedlungen also illegal, was es der Stadtverwaltung erleichtert, ihre kommunalen Bedürfnisse zu ignorieren.

Besonders beim Straßenbau. Es gibt hier genau eine Straße, die ein paar hundert Meter den Berg hinaufläuft. Das hilft also nur wenigen. Der Rest steigt den ganzen Tag bei 30 Grad Treppen auf und ab. Wer es sich leisten kann, wagt den holprigen Ritt auf dem Moped, was bei Massen von Fußgängern auch nicht gerade flott geht. Ansonsten muss man auch schwere Güter kilometerweit zu Fuß transportieren: Einkäufe, Wasser, Reis, Kühlschränke, Zementsäcke. Diese strapaziöse Aufgabe übernehmen die Träger. Sie haben den mit Abstand angesehensten Job. Glamouröse Portraits an den Hauswänden bezeugen das. Isabell sagt, beim Hausbau können die Kosten für die Träger schon mal die Materialkosten übersteigen. Könnte man mit dem Auto weiter in die Favela hineinfahren, wäre das eine enorme Erleichterung und sicher auch ein wirtschaftlicher Windstoß. Jahrelang schlug man sich also mit der Stadtverwaltung Rios herum, bis es letztes Jahr endlich klappte. Es wurde besichtigt und geplant. Einige Steinhütten sollten der Straße weichen. Gerne ließen die Bewohner sie abreißen. Der Bau begann, ein Stück richtige Teerstraße entstand – bis nach ein paar Tagen die Bauarbeiter einfach nicht mehr kamen.
„Was war los?“, frage ich, „habt ihr nicht bei der Stadtverwaltung nachgefragt?“
Isabell nickt.
„Und? Was war die Antwort?“
Sie zuckt mit den Schultern. „Nix. Keine Antwort. Das war’s eben.“
Wir gaffen fassungslos auf ca. 30 Meter Straße, die wie ein Fluß im Brachland der Abrissfläche enden.
„Heißt das, die haben euch nur einen Brocken hingeworfen, damit ihr Ruhe gebt?!“
Isabell grinst. „So geht das hier immer. Wenn sie ab und zu was tun, kann man ihnen nicht vorwerfen, die Gemeinschaft wäre ihnen egal. Aber genau das ist der Fall.“
Schlimmer noch, ich muss an den Satz denken, der heute schon mehrmals gefallen ist: „Seit 500 Jahren dient der Staat Brasilien dazu, die Reichen reich und die Armen arm zu halten.“ Das ist kein verbales Gebläse einer Ultralinken, so wirkt diese Frau nicht, und die Beweise liefert die Realität über den Dächern Rios von selbst.

Isabell führt uns zum größten Gebäude auf dem Berg, das ursprünglich als Luxus-Hotel mit Traumblick geplant worden war. Schlussendlich wurde es zu einem Bürgerzentrum, nachdem vor langer Zeit den Bauherren das Geld ausgegangen war. Hier gehen die Kinder in die Schule – so ziemlich das einzige, was der Staat ihnen nicht verwehren kann (und der einzige Eintrag auf der weißen Fläche bei Google Maps). Allerdings besteht die Lehrerschaft zu großen Teilen aus Pädagogen, die hierhin strafversetzt wurden, dementsprechend grauenhaft ist die Atmosphäre. Schüler wie Lehrer sind gleichermaßen lustlos. Wer es sich leisten kann, schickt sein Kind auf eine Schule unten in der Stadt. Es gibt auch eine Bücherei. Dumm nur, dass sie während der monatelangen Schulferien geschlossen ist. Himmelarsch. Glauben die, die Kids fahren in den Urlaub? Was kostet es, eine Bücherei zu betreuen? Ein kleines Trostpflaster ist das Bücher-Angebot der Kirche.

Wir sind nun schon mehrere Stunden unterwegs, als mir wieder ins Bewusstsein springt, dass ich in einer Favela stehe. Favela. Drogenhölle. Chaos. Jeder gegen jeden. Habe ich Angst? Ehrlich gesagt, nein. Dafür ist alles viel zu entspannt. Die Leute grüßen uns, lächeln, sind ja Touristen ohnehin gewöhnt. Natürlich fragen wir nach, ob wir dem Frieden trauen können.
„Ach, ein bisschen was passiert hier schon“, meint Isabell. „Aber diese Favela ist ‚befriedet‘, es ist relativ ruhig.“ Hm. Nach brasilianischen oder deutschen Maßstäben? Das vergesse ich zu fragen. Wir kommen am Gebäude der sogenannten Friedenspolizei, der Unidade de Polícia Pacificadora, vorbei. Die Beamten tragen schwere MPs vor dem Bauch. Isabell: „Zum Glück ist es seit Jahren hier sehr ruhig. Aber die älteren Bewohner, die ihr gesehen habt, sind bestimmt traumatisiert; alle haben Menschen sterben sehen. Die Achtziger waren schlimm.“

Es bleibt an diesem Tag idyllisch ruhig. Wir sehen eine Bäckerei, ein paar Kramläden und machen Rast an einer Bar von der Größe eines Kiosk. Dort bezahlen wir für eine Dose Cola 3 Real, das ist ein Euro. Der Monatsverdienst liegt hier bei knapp 300 Euro. Viele Türen stehen offen und gewähren einen Blick in die sehr kargen, meist einstöckigen Hütten. Unaufgeräumt. Schmutzig. Nicht gemütlich, eher beklemmend für mich. Auch Isabell lebt in dieser simplen Art von Behausung. „Ich musste mich daran gewöhnen, dass immer mal wieder kein Wasser aus der Leitung kommt. Oder tagelang kein Strom – bei der Hitze eine Katastrophe, wenn der Kühlschrank ausfällt.“

Es ist kaum fassbar: Diese Menschen sitzen als Pförtner in den Luxus-Türmen der Reichen, putzen ihre Messinggeländer, machen die Betten ihrer Kinder. Sie wissen also, dass es auch anders geht. Das gute Leben ist nicht weit entfernt auf andern Kontinenten, sondern gleich nebenan. Es kommt mir jetzt gar nicht skandalös vor, wenn einige diesem unwürdigen Leben den Rücken kehren und auf das schnelle, mit Blut verdiente Geld hoffen. Kann ich das jemandem verdenken, der jeden Tag aufs Neue bei Null steht und dem sich der Staat nur in Gestalt von dreißig Metern Straße, einer Horror-Schule und Polizisten zeigt, die aussehen wie Marines in einem Kriegsfilm?
Die Bewohner der Gemeinschaft in Cantagalo wollen etwas vom Leben. Dazu brauchen sie den Staat. Sie verlangen nur, was jedem Bürger zusteht. Sie reichen unzählige Kulturprojekte zur Förderung ein, denn sie haben begriffen, dass das ein Ausweg sein könnte. Der Staat schweigt sie an. Immer wieder wollen sie mit dem Staat in Dialog treten. Aber er schweigt sie an oder hält ihnen eine MP an den Kopf. In vielen Ländern sind die Armen den Reichen egal. In Brasilien nicht. Hier kümmert man sich um die Armen, und zwar so, dass sie bleiben, was sie sind.
Nach mehr als vier Stunden sind wir über Tausende Treppenstufen wieder unten angekommen. Der Weg wird etwas breiter, und wir gehen durch einen gemauerten Torbogen. Es wird lauter, Autos brausen vorbei, Menschenmassen auf Bürgersteigen, wir sind in einer anderen Welt, zurück in Ipanema.